Was ist das?
Die Riesenzellarteriitis ist eine entzündliche Erkrankung, die die Wand mittelgroßer und großer Arterien befällt. Weil sie am häufigsten die Arterie betrifft, die durch die Schläfenregion zieht, wird sie auch Arteriitis temporalis genannt. Sie tritt fast ausschließlich jenseits des 50. Lebensjahres auf, und ihre Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu.
Die Entzündung verdickt die Gefäßwand, der Blutstrom durch das Gefäß wird enger. Gewebe, das schlechter durchblutet wird, schmerzt unter Belastung. Weil die Kaumuskeln bei der Arbeit mehr Blut brauchen, ermüden sie nach wenigen Bissen, schmerzen und entspannen sich in der Pause wieder. Dieses Muster heißt Claudicatio masticatoria und gehört zu den frühen Zeichen der Erkrankung.
Für die Zahnarztpraxis ist Folgendes wichtig: Betroffene halten das für ein Problem des Kiefergelenks oder der Zähne und kommen damit zur Zahnärztin oder zum Zahnarzt. Sind die Äste desselben Gefäßnetzes betroffen, die den Sehnerv versorgen, kann ein Sehverlust entstehen, und dieser Verlust bildet sich meist nicht zurück. Deshalb wird bei einem verdächtigen Bild kein Tag verloren.
Anzeichen
Sie müssen nicht alle davon gleichzeitig haben.
Warum entsteht es?
- 01
Das Immunsystem richtet sich gegen die Gefäßwand
Immunzellen sammeln sich in der Gefäßwand und erzeugen dort eine Entzündung. Die Wand verdickt sich, der Innenraum des Gefäßes wird enger. Die Beschwerden der Erkrankung sind die Folge dieser Verengung.
- 02
Höheres Lebensalter
Unter 50 Jahren ist dieses Bild sehr selten, und die Häufigkeit ist um das 70. Lebensjahr am höchsten. Deshalb wird derselbe Schläfenschmerz bei einer jungen und bei einer älteren Person nicht gleich gewichtet.
- 03
Gemeinsames Auftreten mit Polymyalgia rheumatica
Steifigkeit und Schmerz um Schultern und Hüften, morgens besonders ausgeprägt, kommen bei denselben Menschen häufig vor. Wenn Sie solche Beschwerden haben, sagen Sie das Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt gesondert.
- 04
Veranlagung und Umweltfaktoren
Die genaue Ursache der Erkrankung ist nicht bekannt. Man geht davon aus, dass eine genetische Veranlagung und bestimmte Auslöser aus der Umwelt zusammenwirken. Sie ist nicht die Folge eines eigenen Fehlverhaltens.
Wie schreitet es fort?
- 1
Allgemeine Beschwerden
Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, leichtes Fieber und nächtliches Schwitzen können über Wochen bestehen. In dieser Phase sieht das Bild noch nicht krankheitstypisch aus.
- 2
Zeichen an Kopf und Kiefer
Ein neuartiger Schläfenschmerz, eine empfindliche Kopfhaut beim Kämmen und ein beim Kauen ermüdender Kiefer kommen hinzu. Die Arterie an der Schläfe kann sich empfindlich und verdickt anfühlen.
- 3
Warnzeichen am Auge
Auf einem Auge können ein kurzzeitiger Sehverlust, verschwommenes Sehen oder Doppelbilder auftreten. Auch wenn es wieder vergangen ist, ist dieser Befund nicht hinzunehmen; er muss noch am selben Tag beurteilt werden.
- 4
Bleibender Sehverlust
Verzögert sich die Beurteilung, kann die Versorgung des Sehnervs Schaden nehmen, und dass sich ein entstandener Sehverlust zurückbildet, ist nicht zu erwarten. Der Sinn einer frühen Vorstellung ist, dass es nicht zu dieser Stufe kommt.
Wie wird es behandelt?
Die Anlaufstelle für dieses Beschwerdebild ist die rheumatologische Praxis. Ist am selben Tag kein Termin zu bekommen, geht man in die Notaufnahme. Die Beurteilung wird nicht auf die nächste Woche verschoben. Bestehen Beschwerden am Auge, ist ohne Verzögerung die Notaufnahme aufzusuchen. Die Diagnose der Riesenzellarteriitis wird nicht in der Zahnmedizin gestellt, und behandelt wird sie dort ebenfalls nicht.
Dort sind Blutwerte, die die Höhe der Entzündung zeigen, eine Ultraschalluntersuchung der Schläfenarterie und bei Bedarf die Untersuchung einer kleinen Gewebeprobe aus dem Gefäß zu erwarten. Ist der Verdacht stark, kann eine die Entzündung unterdrückende Behandlung schon begonnen werden, bevor die Abklärung abgeschlossen ist. Diese Untersuchungen anzufordern, sie zu deuten und eine Behandlung zu beginnen, liegt bei der zuständigen Ärztin oder dem zuständigen Arzt.
Die Rolle der Zahnärztin oder des Zahnarztes ist es, das zu erkennen und weiterzuleiten. Ein jenseits des 50. Lebensjahres neu begonnener Schläfenschmerz zusammen mit einem beim Kauen ermüdenden Kiefer ist kein Bild, das man wie einen gewöhnlichen Kaumuskelschmerz behandelt und mit einer Aufbissschiene beobachtet. Zeigen sich diese Befunde bei der Untersuchung gemeinsam, wird noch am selben Tag an die zuständige Stelle überwiesen.
- Plötzlicher oder kurzzeitiger Sehverlust, verschwommenes Sehen oder Doppelbilder auf einem Auge
- Ein jenseits des 50. Lebensjahres neu begonnener, ungewohnter Schläfenschmerz
- Eine an der Schläfe tastbare, empfindliche, verdickte und bei Berührung schmerzende Arterie
- Fieber, Abgeschlagenheit oder Gewichtsverlust zusätzlich zur Kieferermüdung beim Kauen
Wie beugt man vor?
- Diese Erkrankung lässt sich nicht verhindern; Schutz bedeutet hier, die Zeichen früh zu erkennen und sich ohne Verzögerung vorzustellen.
- Nehmen Sie einen Kopf- oder Schläfenschmerz, der nach dem 50. Lebensjahr zum ersten Mal beginnt, nicht als gewöhnlich hin.
- Notieren Sie es, wenn Ihr Kiefer beim Kauen ermüdet und sich in der Pause wieder erholt, und sagen Sie es Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
- Melden Sie jede Sehstörung noch am selben Tag, auch wenn sie nur kurz gedauert hat und wieder vergangen ist.
Häufige Fragen
- Mein Kiefer ermüdet beim Kauen, ist das immer eine ernste Erkrankung?
- Nein. Die häufigste Ursache für Ermüdung beim Kauen ist eine Überlastung der Kaumuskeln, und dieses Bild ist harmlos. Wenn Sie jedoch über 50 sind, es neu begonnen hat und Schläfenschmerz, Abgeschlagenheit oder Beschwerden am Auge dazukommen, ist eine Beurteilung am selben Tag nötig. Die Unterscheidung treffen Untersuchung und Blutwerte.
- Worin unterscheidet sich mein Schläfenschmerz von einem Spannungskopfschmerz?
- Der Spannungskopfschmerz ist meist beidseitig, seit Jahren vertraut und fühlt sich wie ein dumpfer Druck an. Bei der Riesenzellarteriitis beginnt der Schmerz neu, ist meist einseitig, die Kopfhaut kann berührungsempfindlich sein, und der Kiefer kann beim Kauen ermüden. Diese Kombination wird ohne Abwarten beurteilt.
- Kann die Zahnärztin oder der Zahnarzt für diese Erkrankung Untersuchungen anfordern?
- Nein. Diese Untersuchungen anzufordern und danach eine Behandlung zu beginnen, liegt bei der zuständigen Ärztin oder dem zuständigen Arzt. Aufgabe der Zahnärztin oder des Zahnarztes ist es, den Befund zu erkennen und ihn Ihnen sowie der Stelle, an die überwiesen wird, klar mitzuteilen. Deshalb sind die Fragen nach Alter, Sehen und Allgemeinbefinden bei der Untersuchung keine bloße Formsache.
Dieser Inhalt dient der allgemeinen Information und ersetzt keine persönliche Untersuchung. Symptome überschneiden sich zwischen Erkrankungen; eine Diagnose kann nur klinisch gestellt werden.
